Am besten fange ich folgendermassen an.
Ich bin aufgewachsen in Westerstede. Das ist eine Kleinstadt im Norden Niedersachsens. Hier ist es bis auf wenige Ausnahmen eigentlich immer angenehm ruhig. Ich bin von daher Jemand, der durch Laerm leicht abzulenken ist. Bisher war ich das zumindest. Inzwischen hat sich das durch hartes Training gelegt.
Was ich damit meine, werde ich hier einmal an einem typischen Tagesablauf im Appartement.
8:00Uhr: Mein Wecker klingelt. Mein Wecker klingelt jeden Morgen um 8 Uhr morgens, ohne dass ich ihn stellen muss. Mein Wecker ist naemlich der Supermarkt von nebenan. Jeden Morgen puenktlich um 8Uhr wird die Eroeffnungsmusik (erinnert stark an die Titelmusik zu "Star Wars") abgespielt. Zwischendrin werden dann noch mit dem Mikrophon die angebote des Tages angekuendigt. Der ganze Spass geht ca 10 Minuten.
Danach wird geduscht und um 9Uhr gibt es Fruehstueck.
Wenn wir den Tag im Appartement verbringen, haben wir meist den Vormittag zur freien Verfuegung und am Nachmittag kommt dann Yan Laoshi, um gegen uns zu spielen.
Nach dem Fruehstueck beginne ich also normalerweise mit dem lernen von Josekis oder dem loesen von Tsumegos.
Begleitend dazu hoere ich hier sehr hauefig ein quiek-quak-quiek-quak-quiek-quak... . Vor unserem Appartement ist naemlich eine Art Spielplatz fuer Erwachsene mit verschiedenen schlecht geoelten Lauf- und Hebegeraeten. Morgens wird der Platz viel von aelteren Leuten genutzt, die dieses hohe quietschen scheinbar nicht mehr hoeren.
Um 10 Uhr beginnt dann der Kindergarten von nebenan ca eine Stunde lang in Dauerschleife sein Lieblingslied abzuspielen ( erinnert von der Melodie her an "old mac donald had a farm ... " - ich kenne es inzwischen auswendig).
Da die Abdichtung, was Fenster und Waende angeht, auesserst schlecht ist, kann man dem auch nicht entgehen.
Um 12 Uhr gibt es dann Mittagessen. Nach dem Essen lege ich mich meist nochmal kurz hin.
Um 2 Uhr kommt dann Yan Laoshi und wir spielen mit ihm. Es ist eine relativ ruhige Tageszeit. Man hoert hin und wieder andere Leute aus dem Haus, da die Waende auesserst duenn sind, aber alles in allem ist es ruhig genug, um sich auf das Spiel zu konzentrieren.
Nach den Spielen und den folgenden Spielbesprechungen gibt es dann Abendessen. Das ist die Hauptmahlzeit hier in China.
Um diese Zeit herum, wird es dann auch im Haus merklich lauter. Scheinbar kommen viele Leute von ihrer Arbeit wieder. Man hoert hier nun schon hin und wieder mal die Nachbarn streiten oder Jemanden, der sich aus dem 5. Stock mit einem Bekannten unten auf der Strasse unterhaelt.
Den Chinesen scheint der ganze Laerm nichts auszumachen. Man bekommt eher das Gefuehl, dass sie sich bei Stille unwohl fuehlen. Wenn Chinesen im Raum oder Auto sind, ist es nie still. Zur Not wird das Radio angemacht.
Ich selbst habe mich inzwischen auch besser an dem Laerm gewoehnt. Wenn ich in der Nacht durch das gejaule zweier kaempfender Katzen aufwache, kann ich mich inzwischen einfach umdrehen und weiterschlafen. Ein Segen.
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Angeborene Lärmresistenz
@ 2008-09-30 – 11:44:00
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Spielgefühl und Familienzuwachs
@ 2008-09-23 – 20:48:35
Wer mich kennt, weiss, dass ich mir bei vielen Dinge gerne Zeit lasse. Insbesondere gilt das auch fuer das Go - Spielen. Ich denke teilweise mehr als 15minuten ueber einen einzigen Zug nach. Gehe dabei Varianten im Kopf durch und ueberpruefe, ob ich keine Fehler in meinen Gedankengaengen habe.
Nach meinem letzten Spiel mit Yan An hat sich das nun etwas geaendert. Yan Laoshi meinte ich solle in den meisten Situationen nicht mehr so lange ueber die Zuege nachdenken, sondern mehr auf meine Intuition hoeren. Er meint mein Spielgefuehl sei gut, und wenn ich mehr darauf hoeren wuerde, wuerde meine Spielstaerke steigen.
Vermutlich hat er Recht, dass man in vielen Situationen, in denen die Anzahl der sinnvollen Varianten explodiert, mit dem konkreten ausrechnen der einzelnen Zuege nicht weit kommt. Hier sollte man dann auch nicht allzuviel Zeit verlieren, sondern nach Intuition spielen.Ansonsten hatte ich in letzter Zeit ein paar mal die Gelegenheit abends auszugehen. Es ist mir dabei nicht schwer gefallen mit den Leuten ins Gespraech zu kommen. Da es hier nur sehr wenige Auslaender gibt, wurde ich eigentlich immer sehr schnell von einigen neugierigen Chinesen angesprochen (sofern sie denn Englisch konnten).
Zwei von Ihnen sind nun meine Gege (grosser Bruder) hier. Da sie von mir westliche Namen haben wollten, habe ich sie aufgrund von Klangaehnlichkeit Lee Tim und Jan Leon genannt. Letzteres passte sehr gut, da mein Didi (kleiner Bruder) auch Leon heisst
. Die beiden wollen hier nun zumindest auf mich aufpassen.
Mein eigener chinesischer Name hat sich inzwischen auch geaendert. Ich bin hier nicht mehr Ma Le ( Pferd Glueck), sondern fuer die kleinen Kinder war, nachdem sie meinen westlichen Namen gehoert hatten sofort klar, dass ich Ma Long (Pferd Drachen) bin. Aus Ihrer Sicht wohl sehr einleuchtend, da ich fuer sie ein schlanker Riese bin. Aehnlich also, wie ein chinesischer Drache, deren Koerperbau etwas an einen fliegenden Wurm erinnert.
Da die Klangaehnlichkeit sehr gut zu Marlon ist, werde ich inzwischen auch von Yan Laoshi und den anderen Chinesen, die ich kenne, Ma Long genannt.
Wenn ich mich als Ma Long vorstelle, ist es nun schon zweimal passiert, dass ich gefragt wurde, ob ich zum Kungfu lernen in China bin. Der Name erinnert die Leute scheinbar an Kungfu.--
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Josekis lernen
@ 2008-09-16 – 23:22:55
Die Ferienzeit fuer die Chinesischen Kinder ist vor ca einer Woche zu Ende gegangen. Das bedeutet, dass die Kinder nicht mehr jeden Tag die Go-Schule besuchen, sondern unter der Woche in eine "normale" Schule gehen.
Unser Zeitplan sieht deswegen zur Zeit wie folgt aus:Montag: Frei.
Dienstag - Freitag:
Am Vormittag ist Selbststudium angesagt. Wir (Simon, Rene (ist vor 2 Wochen gekommen) und ich) loesen Tsumegos (Go-Probleme), schauen Profipartien an oder lernen Josekis.
Ein Joseki ist eine Standardabfolge von Zuegen, die lokal ein gleichwertiges Ergebnis fuer beide Spieler ergeben. In der Gesamtstellung des Brettes ist ein Joseki dennoch haeufig vorteilhaft fuer einen der beiden Spieler. Die Wahl eines geeigneten Josekis ist sehr entscheidend fuer den weiteren Spielverlauf.Die Kinder in der Schule haben ein enormes Josekiwissen. Das macht es fuer mich sehr schwer nicht schon zu beginn der Partie in den Nachteil zu geraten. Sie spielen viele Zuege, die ich noch nie gesehen habe und bei denen ich dann improvisieren muss. Das ist dann natuerlich wie ein Heimspiel fuer sie, da sie die Varianten kennen und ich nicht.
Wenn die Eroeffnung zu Ende geht und sich das Spiel langsam zur Mitte hin entwickelt, muss ich mich haeufig mit einer schlechteren Position abfinden.Die juengsten Kinder in der Schule sind grob geschaetzte 4 Jahre alt. Das erste, was sie machen ist nicht zu spielen, sondern Josekis zu lernen. In den Klassenraeumen ist vorne ein Magnet-Go-Brett, an dem die Kleinen dann ihre gelernten Josekis vortragen. Hierbei lernen sie auch die Varianten, Fehler des Gegners bei einem Joseki bestraft.
Ich habe mich also entschlossen in den Vormittagen hier meine Josekikenntnisse zu verbessern. In einem Buchladen habe ich mir hier ein Standardwerk gekauft, welches 750 Seiten mit Josekis enthaelt. Auf jeder Seite sind 4 Diagramme mit kurzer Erklaerung.
Inzwischen habe ich mir bereits einige hundert neue Josekis angeschaut. Doch es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich sie mir wirklich gemerkt habe.Zurueck zum Wochenplan.
Um 2 Uhr Nachmittags beginnt unser Spiel gegen Yan Laoshi. Er spielt Simultan gegen uns und nach dem Ende der Partien werden diese dann gemeinsam mit ihm duchgespielt. Hierbei erklaert er die Fehler.
Samstag und Sonntag:
Wir fahren morgens um 9 Uhr in die Schule und spielen Vormittags und Nachmittags jeweils ein Spiel gegen die Kleinen. Anschliessend wird das Spiel mit Yan Laoshi durchgegangen. Am Abend fahren wir dann wieder ins Appartement und haben den Abend zur freien Verfuegung.
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Die Gitarre
@ 2008-09-02 – 20:51:54
Ich konnte mich heute gegen Yan Laoshi auf 3 Steine Vorgabe verbessern. Nachdem ich ihn heute mit einem schoenen Tesuji (ein technisch exzellenter Zug fuer ein bestimmtes Vorhaben) besiegen konnte, hat er mir gesagt, dass wir ab morgen mit 3 Steinen Vorgabe spielen werden.
Ansonsten gibt es auch andere schoene Neuigkeiten fuer mich. Ich habe im Appartement eine Gitarre finden koennen. Sie hat zwar nur 5 Seiten und laesst sich nicht mehr 100%ig stimmen, aber ich habe dennoch den ganzen Abend gespielt. Nach einigen Wochen ohne Musik merke ich doch, wie ich das vermisst habe. Yan Laoshi ist heute sogar noch ein wenig laenger im Appartement geblieben um mir ein bisschen beim spielen zuzuhoeren. Ich glaube es hat im gefallen.
Morgen werde ich mich dann zur Universitaet fuer Musik aufmachen, um neue Seiten zu kaufen. Ich habe gehoert, dass es dort einige Musiklaeden geben soll.
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Abendessen bei Yan An
@ 2008-08-25 – 21:49:54
Heute sind wir abends zu Yan Laoshis Haus gefahren. Er wohnt mit seiner huebschen Frau, seinem Sohn und seiner alten Mutter zusammen. Sein Sohn ist 17 Jahre alt und gut genaehrt. Sein englischer Name ist Jensen und er spricht ein wenig englisch. Ausserdem kommen noch drei Lehrer der Schule mit ihren Frauen zu Besuch.
Es gibt Bai zi. Das ist chinesischer Schnaps, der hier viel getrunken wird. Auch, wenn ich kaum etwas verstehe, wenn gesprochen wird, so klappt die Kommunikation ueber Haende und Fuesse doch sehr gut und es wird schon bald viel gelacht. Yan An schafft es sogar sehr originalgetreu ein schweinegrunzen nachzumachen, um mir zu erklaeren, von welchem Tier dieses Fleisch ist
.
Es wird laut geschmatzt und hin und wieder geruelpst. Das was auf den Boden oder den Tisch faellt bleibt dort einfach liegen. Man sollte nicht den Fehler machen und dieses wieder auf den Teller zu tun, um es zu essen (Simon warnt mich rechtzeitig).
Das Essen selbst ist so aufgebaut, dass jeder eine Schuessel Reis und zwei Staebchen vor sich hat. In der Mitte des Tisches stehen ca 10 Schuesseln mit verschiedenen Gerichten, aus denen man sich dann das was einem gefaellt herausfischt.
Einige Gerichte sind sehr scharf, einige schwierig mit Staebchen zu essen (Garnelen, ganze Fische mit Kopf) und einige sehen auesserst interessant aus (lila Gemuese, Tintenfischfueler und andere Meerestiere, beziehungsweise Teile davon).
Am Ende des Abends sind alle (eigentlich nur die Maenner) ziemlich betrunken. Yan An sieht man gar nicht mehr und seine Frau verabschiedet uns irgendwann (ich vermute zu viel Bai zi
). Mit dem Taxi kommen wir dann wieder zu unserem Appartement und sind froh, als wir am naechsten Morgen erfahren, dass wir unerwartet den Vormittag frei bekommen und uns wieder hinlegen koennen. -
Beim Friseur
@ 2008-08-22 – 18:48:25
Jeder, der China einmal besuchen will, sollte sich auf jeden Fall Zeit fuer einen Friseurbesuch nehmen. Ich hatte das Glueck bereits nach einigen Tagen hier zu bemerken, dass allzuviel Wolle auf dem Kopf bei den Temperaturen hier (30-40 Grad) keine gute Idee ist.
Da zwei Ecken von unserem Appartement entfernt ein Friseursalon ist, beschliesse ich mich eines Abends nach der Go Schule dorthin zu gehen.
Am Eingang wird mir sofort die Tuer aufgehalten und zwei junge Damen begruessen mich mit etwas das klingt wie : "Willkommen im Frieseursalon Wang (oder wie auch immer der Inhaber heissen mag).
In China gibt es in vielen Laeden fuer europaeische Standards viel zu viele Angestellte. In Restaurants gibt es meist 10 - 15 Angestellte (Kueche nicht mitgerechnet). Zwei begruessen die Gaeste am Eingang. Eine oder zwei Angestellte begleiten die Gaeste dann zu einem passenden Tisch. Dort gibt es dann wieder ein paar Angestellte, die die Bestellung aufnehmen. Einige andere Angestellte sorgen immer dafuer, dass genuegend gruener Tee fuer alle Gaeste bereitsteht. Man hat hier staendig das Gefuehl, dass jeden Moment eine 50-Leute starke Gruppe erwartet wird, auf die das Restaurant vorbereitet sein will.In meinem Frieseursalon sind ungefaehr 20 Leute, von denen die knappe Mehrheit im Frieseursalon angestellt ist. Ich werde nun von einer Angestellten zu einem Platz geleitet. Dort angekommen stellt sie mir meinen Friseur vor.
Zuallererst wird ein Shampoo ca 15min lang in mein Haar einmassiert. Waehrend dieser Zeit bemerke ich, dass dieser Friseursalon auch einen Kommentator fuer den Stand der Olympischen Spiele hat, damit auch jene Kunden, die von ihrem Platz aus den Fernseher nicht sehen koennen mitbekommen, was dort laeuft. Mir bringt es zwar nichts, wenn er etwas in sein Mikrofon spricht, finde die Idee dennoch interessant.
Nach der Kopfmassage kommt die Haarwaesche. Ich werde dafuer zu einem anderen Platz gebracht, an dem mein Haar mit lauwarmem Wasser ausgespuelt wird (10min).
Zurueck an meinem alten Platz erwartet mich dort ein Glas gruener Tee.
Dort zeige ich meinem Friseur (Das ist Jemand anderes, als mein Kopfmasseur) wieviel Haar ab soll. Das Haare schneiden laeuft schnell und problemlos ab. Im Anschluss wird in mein Haar nocheinmal ein Shampoo einmassiert. Dann noch ein Waschgang. Und zu guter letzt ein Schuss Haargel fuer den richtigen Look.
Am Ende bin ich dann aber ein bischen besorgt, dass ich nur 100 Yuan (10 Euro) mitgenommen habe. Das ganze kostet dann jedoch nur 18 Yuan. Fuer weniger als 2 Euro also solch ein Service. Ich konnte mich nicht beklagen. -
Die Schule- 31. Juli
@ 2008-08-20 – 19:31:18
Die Schule - 31. Juli
Heute ist mein erster Schultag. Yan Laoshi kommt um 8:30Uhr mit dem Fruehstueck. Heute gibt es Tan Bao. Das sind eine Art chinesische Knoedel (In China isst man dreimal am Tag warm).
Danach geht es auch schon los zur Schule. Heute bin ich der einzige westliche Schueler hier, da Simon gestern Abend noch ausgegangen war und sich lieber ausruhen moechte.
Was das Wetter angeht, ist heute ein sehr schlechter Tag. Es gibt kaum Wind und der Smog laesst die Haeuser bereits nach einigen Hundert Metern in einer Dunstschicht verschwinden.
Um ca 9 Uhr kommen wir in der Schule an. Die Kinder sind alle hier alle sehr jung, sehr klein und sehr niedlich. Fuer mich geht es jetzt in die 2. Klasse. Das ist die Klasse mit den 1-3 Dan - Spielern.
Hier kommt gleich ein kleiner Chinese auf mich zu und fragt "What's your name?". Er heisst Hu Rui und ist 9 Jahre alt. Selbst fuer dieses Alter und dafuer, dass er Chinese ist, ist er erstaunlich klein. Er gleicht das jedoch locker durch die Lautstaerke seiner Stimme aus.
Einige der Kinder sprechen ein bischen Englisch. So werde ich auch gleich nach meiner Lieblingsfarbe und meinem Lieblingstier gefragt.
Die Kinder beschreiben meine Haarfarbe hier uebrigens als "yellow" und viele wollten meine Haare dann auch mal anfassen. Als ich dann noch Karamelbonbons verteile, ist die Stimmung bestens
Mein Tagesablauf in der Schule ist sehr einfach struckturiert. Vormittags wird ein Spiel gespielt (2-3 Stunden), welches danach von Yan Laoshi durchgegangen wird. Dann kommt die Mittagspause. Um 14 Uhr geht es weiter mit dem Nachmittagsspiel. Auch dieses wird im Anschluss mit Yan Laoshi besprochen. Sollte ein Spiel bereits frueher enden, so loese ich in der Zeit Tsumegos (Go Probleme) oder lerne Josekis (Standardzugabfolgen in den Ecken des Brettes).
Mein erstes Spiel spiele ich gegen ein kleines Maedchen mit Zoepfen. Sie heisst Hung Ling, ist 11 Jahre alt und wird spaeter meine Chinesischlehrerin auf den Rueckfahrten von der Schule werden.
Ich kann heute beide Spiele gewinnen, verstehe aber bei den Spielnachbesprechungen erstmal noch recht wenig, da die Uebersetzerin normalerweise gar nicht in der Schule ist. Die Kinder und Yan An versuchen mir jedoch recht plastisch zu erklaeren, was gut und was schlecht war. Mit dem ersten Schultag bin ich alles in allem jedenfalls zufrieden. -
Mein Debut gegen Yan Laoshi
@ 2008-08-15 – 18:18:44
Mein Debut gegen Yan Laoshi - Mittwoch 30. Juli
Als ich aus meinem Mittagsschlaf wieder aufwache, fuehle ich mich sehr muede. Nun werde ich gleich gegen Yan Laoshi spielen. Der Gedanke frischt meinen Geist wieder etwas auf und ich fuehle mich schon wenige Minuten nach dem Erwachen wieder deutlich fitter.
Yan Laoshi spielt Simultan gegen Simon und mich. Wie beide erhalten jeweils 5 Steine Vorgabe auf die Sternpunkte.
Das Go Brett besteht aus einem 19x19 Feld - auf das Steine gesetzt werden koennen. Das Spiel ist bereits 3000 - 4000 Jahre alt und in fruehester Zeit hat es womoeglich als Sternenkarte gedient. Daher werden 9 spezielle Punkte des Brettes "Sternpunkte" genannt. Darunter ist ein besonderer Sternpunkt der Tengen (Mitte des Himmels). Es ist der Symmetriepunkt in der Mitte des Brettes.
In der Folgezeit wurde Go viel in Zaoistischen und Buddhistischen Kloestern gespielt. Hier sah man in dem Spiel vor allem einen Kampf gegen sich selbst. Das kann man wohl am besten damit begruenden, dass sich eine zu gierige, aengstliche, ueberhebliche oder ungeduldige Spielweise meist bestraft wird. Professionelle Spieler bezeichnen solche Zuege auch heute noch als Stoerung der Harmonie des Spielflusses. Es ist jedoch aufgrund der extrem hohen Komplexitaet des Spiels kaum anhand von Varianten aufzuzeigen warum ein Ausbreitungszug eine Reihe weiter nun zu gierig oder eine Reihe kuerzer zu aengstlich ist. Es ist Erfahrung und Intuition fuer den Fluss des Spiels.All dies habe ich im Hinterkopf, als ich meine Vorgabesteine setze.
Die ersten 4 Steine werden auf die Sternpunkte in den vier Ecken des Spielbrettes gelegt. Der 5. Vorgabestein auf den Tengen. Keiner dieser 5 Steine sichert zu diesem Zeitpunkt bereits Gebiet. Dennoch wird der Einfluss dieser Punkte auf den Rest des Brettes mit circa 50 Punkten Gebiet gleichgesetzt.
Der staerkere Spieler hat natuerlich die moeglichkeit durch geschickte Manoever den Wert dieser Steine zu mindern, sodass diese am Ende ihren anfaenglichen Wert nicht in Gebiet umsetzen koennen und der schwaechere Spieler mit leeren Haenden dasteht.
Die ersten Zuege von Yan Laoshi sind nichts besonderes. Er verteilt seine Steine grob auf dem Brett und es lassen sich bereits erste Anzeichen von Einflusssphaeren der Spieler erkennen.
Auch, wenn er bisher noch keinen auffaelligen Zug gespielt hat, habe ich dennoch das Gefuehl, dass mein Vorsprung bereits ein wenig geschmolzen ist. Ich merke nun auch staerker, wie er versucht meine Stellung unharmonisch aussehen zu lassen.
Der Vorgabestein in der linken unteren Ecke ist inzwischen wohl vollstaendig verbrannt. Ich habe dort, wie ich spaeter erfahre, einen Formfehler gemacht und er konnte meine Steine dort zu einem ineffizienten Faden quetschen. Der Rest des Brettes gefaellt mir bisher noch ganz gut.
Sein naechster Zug ist ungewoehnlich. Er moechte in meiner Einflusssphaere einen Kampf anzetteln. Vermutlich moechte er sehen, wie stark ich im kaempfen bin.
Mit der gegebenen Unterstuetzung der verbliebenen 4 Vorgabesteine, gehe ich auf den Kampf ein. Moeglicherweise liegt es an der besonderen Motivation und Freude, die ich bei meinem ersten Spiel gegen einen Professionellen Go-Spieler empfinde - heute kann ich tiefer in die Varianten des Spiels schauen, als sonst. Bei meinen Attacken kann ich einiges an sicherem Gebiet machen, auch wenn er meinen Angriffen geschickt ausweicht und hier und da reduzieren kann.
Als sich die Stellung stabilisiert, wird die Gebietsverteilung des Brettes langsam klar. Ich konnte circa 20 Punkte von meinem Vorsprung retten und wenn ich nun im Endspiel nicht allzuviel verliere, werde ich das Spiel gewinnen. Er beginnt sein Endspiel in der oberen linken Ecke. Hier ist meine Form etwas merkwuerdig, doch sie muesste halten, selbst, wenn ich selbst mein Endspiel nun auf der rechten Seite beginne. Leider war das eine Fehleinschaetzung. Durch eine schoene Zugkombination kann er dort leider die komplette Ecke fangen. Ein grober Fehler meinerseite. Das Spiel ist nun leider nicht mehr zu gewinnen und ich gebe auf.
Trotz des Fehlers scheint Yan Laoshi zufrieden mit meiner Leistung. Er sagt, dass ich ein guter Kaempfer bin und er mich das naechste mal mit 4 Steinen Vorgabe spielen moechte. Das empfinde ich als grosse Ehre und bin motiviert fuer die naechste Partie gegen ihn. -
Ankunft in Wuhan
@ 2008-08-11 – 21:36:36
Mein Zug kommt um 7 Uhr morgens in Wuhan an.
Ich hatte mir die "soft sleep" Klasse gegoennt. Obwohl ich in der Nacht zuvor, im Flugzeug nicht schlafen konnte, kann ich auch diese Nacht kaum schlafen.
Am Komfort liegt es nicht. Der entspricht circa dem, was ich aus Europa gewoehnt bin. Auch der Chinese, mit dem ich das Schlafabteil teile, ist angenehm ruhig.
Vielleicht liegt es an dem Rattern der Gleise, wahrscheinlich aber wohl eher an der Frage, was der morgige Tag bringen wird.
Mein Lehrer hier ist Yan An. Ein professioneller 7 Dan, der auch eine Zeit lang Trainer des chinesischen Nationalteams war. Die hoechste Stufe, die man erreichen kann ist der 9. Dangrad.
Auch wenn es zur Zeit - historisch gesehen - relativ viele 9 Dans gibt, so sind diese in der Go - Welt dennoch so etwas wie Legenden. Der bisher einzige Nicht-Asiate, der den 9. Dangrad erreicht hat ist Michael Redmond. Doch auch ihm ist es bisher noch nicht geglueckt einen der grossen Titel zu gewinnen.Als die Zugbegleiterin uns morgens wecken moechte, bin ich also bereits wach. Ich hatte gestern Abend noch mit der Uebersetzerin der Schule geredet - und wenn alles glatt laeuft, muessten sie und Yan Laoshi (Lehrer Yan) jetzt hier auf mich warten.
Als ich aussteige ist erst einmal alles sehr unuebersichtlich. Scheinbar wird gerade umgebaut und der halbe Bahnhof ist eine Baustelle. Ich entschliesse mich also einfach der Menschenmenge hinterherzulaufen, da hier am Gleis noch niemand steht.
Als ich aus dem Bahnhofsgebaeude hinausgehe steht dort bereits eine Menschenmenge und wartet auf die Ankommenden aus dem Zug.
Ich entdecke sofort Yan Laoshi -den ich von einem Photo kenne - und er sieht mich scheinbar auch ... was nicht weiter verwunderlich ist, da ich der einzige Blondschopf weit und breit bin.
Yan Laoshi traegt Hose und Hemd und macht einen ruhigen, freundlichen Eindruck. Neben ihm steht die Uebersetzerin. Eine huebsche, junge Chinesin, die mich auch sofort freundlich begruesst.
Sie heisst Yan Yang und ist Yan Laoshis Nichte. Es stellt sich heraus, dass sie genau wie ich Mathematik studiert, so dass wir uns gleich gut verstehen.
Nach einer halben Stunde kommen wir in dem Apartement an, in dem ich uebernachten werde. Heute werden wir noch nicht zur Schule fahren.
Ich lerne hier Simon kennen. Einen englischen Gentleman um die 40 Jahre. Er ist bereits seit April hier, um Go zu studieren. Er ist sehr hoeflich, allerdings kann ich ihn ersteinmal schwer einschaetzen.
Morgen werde ich noch zwei weitere Schueler aus dem Westen kennenlernen.
Mein erstes Spiel hier spiele ich gegen Simon. Am Nachmittag dann moechte Yan Laoshi mit mir spielen, um meine Spielstaerke einzuordnen.
Das Spiel gegen Simon laeufet recht gut und ich gewinne es eindeutig, indem ich eine groessere Gruppe von ihm fangen kann. Simon scheint ueber den Ausgang verstaendlicherweise nicht besonders glueklich.
Ich frage mich, ob es vielleicht hoeflicher gewesen waere die erste Partie ersteinmal zu verlieren, um ihn nicht vor seinem Lehrer blosszustellen.
Es gibt nun ersteinmal Essen fuer alle. "Re Gamien" Re heisst heiss und bedeutet scharf. Es sind Nudeln mit etwas, das auf den ersten Blick an gruene Bohnen erinnert, auf den zweiten Blick dann allerdings eher an Chilichoten. Es ist eine regionale Spezialitaet, die hier in Wuhan sehr viel gegessen wird.
Mir traenen zwar nach einigen Bissen bereits die Augen, doch ich moechte mir hier keine Bloesse geben.
Yan Laoshi bietet mir etwas suesses Brot dazu an und gibt mir dann mit Hilfe seiner Uebersetzerin eine freundliche Nachhilfestunde fuer Essstaebchen.
Ich schaffe es dann auch meine Nudeln aufzuessen. Ich erfahre allerdings spaeter, dass das in China gar nicht unbedingt hoeflich ist, da man haeufig etwas uebrig laesst, um zu "beweisen", dass genuegend serviert wurde.
Nun bin ich jedenfalls sehr muede und mir wird mein Zimmer gezeigt, in dem ich dann auch meine Mittagsruhe halten kann.
Als ich mich auf das Bett lege bin ich dann jedoch etwas ueberrascht. Es ist irgendwie deutlich haerter, als ein Bett eigentlich hart sein sollte. Bei genauerer Betrachtung der Matratze faellt dann auch auf, dass die Matraze eher etwas Deckenartiges ist, ueber das ein Bettuch gezogen wurde. Darunter sind Holzplanken. Egal ... ich bin wirklich muede und stelle mir den Wecker auf eine Stunde. Nicht viele Sekunden spaeter sinke ich hinein in tiefen Schlaf. -
Verkehr in China
@ 2008-08-10 – 12:16:20
Wie in den meisten Grossstaedten, ist auch in Peking und Wuhan der Verkehr sehr laut und die Strassen sind ueberfuellt mit Autos. Wenn man den Verkehr in Paris oder Berlin kennt, so ist man sicher einiges gewoehnt; Doch das ist fuer chinesische Verhaeltnisse eigentlich "Rentnerverkehr".
Hier ein paar kleine Eindruecke davon:- 29 juli ca 20 Uhr:
In einer Stunde geht mein Zug nach Wuhan. Da ich mit allem noch nicht besonders vertraut bin, gehe ich schoneinmal ins Bahnhofsgebaude und frage einen uniformierten Chinesen, wo denn mein Zug abfaehrt. Ich habe Glueck und er spricht ein bischen Englisch. Er schaut sich meine Fahrkarte an und erklaert mir, dass ich hier leider falsch bin. Mein Zug faehrt nicht vom Hauptbahnhof, sondern vom Westbahnhof aus ab.
Dieser Westbahnhof ist allerdings ca 45 min mit dem Taxi entfernt. So ein Mist, denke ich mir. Im naechsten Moment bin ich auch schon aus dem Bahnhof raus und versuche nun moeglichst schnell ein Taxi zu finden. Das erweist sich als leichte Aufgabe, da es hier von Taxis nur so wimmelt.
Ich steige also in das naechstbeste Taxi ein. Der Taxifahrer ist fuer einen Chinesen ziemlich dick und sieht ein bischen unfreundlich aus. Egal - es ist bereits 20:10Uhr und ich muss schnellstmoeglich zum Bahnhof.
Ich zeige ihm meine Fahrkarte - er nickt. Wir fahren ab.
Ich zeige noch einmal auf die Fahrkarte:
"Zhe ge" (dieses hier)
"jiu dian" (neun Uhr). "jiu dian". Er wirft einen Blick auf die Fahrkarte. "jiu dian". Er beginnt zu lachen.
Ich bin nicht ganz sicher, wie ich es einordnen soll, aber er scheint verstanden zu haben, dass ich es eilig habe.
Die Strassen hier sind 3-spurig und in der Mitte verlaeuft ein Zaun, der die Gegenrichtung abtrennt. Vor uns faehrt ein anderes Taxi. Um zu ueberholen wechseln wir auf den Mittelstreifen und bremsen dabei ein anderes Auto aus. Da der Taxifahrer scheinbar eine weiter Luecke ausmacht, weiten wir unser Ueberholmanoever aus und wechseln noch eine Fahrbahn weiter nach rechts. Vorbei an dem naechsten Auto geht es wieder auf den Mittelstreifen. Ich kann bereits erahnen, welche Luecke sich mein Taxifahrer als naechstes ausgesucht hat. Ploetzlich biegt jedoch der Wagen schraeg vor uns auf unsere Spur ein und bremst uns aus. Um nicht allzoviel Tempo zu verlieren wechseln wir halb auf den rechten Fahrstreifen und touchieren dabei fast den Transporter rechts von uns. Da links gerade scheinbar kein durchkommen ist, ueber holen wir den Transport und versuchen unser Glueck wieder auf der rechten Spur. Wir draengen uns hier an einigen Mofas vorbei. Auf der Mittelspur ca 2 Autos vor uns mache ich einen Polizeiwagen aus. Wir ueberholen diesen nun auf der rechten Spur und ich frage mich, ob das eine gute Idee ist. Es kommt sogar noch schlimmer und mein Taxifahrer faehrt ein Auto spaeter erst halb; und dann wieder ganz auf die mittlere Spur. Alles in bester Autoscootermanier.
Die Polizei scheint unser Manoever nicht zu interessieren.
Vor der naechsten Kreuzung ist ein Bus vor uns (wir befinden uns gerade auf der linken Spur, der Bus in der Mittelspur). Da der Bus scheinbar abbiegen moechte wechselt er langsam aber sicher auf unsere Spur. Da das Auto vor uns noch zu nah ist, haben wir keine Moeglichkeit noch an dem Bus vorbeizukommen. Der Bus kommt dennoch immer mehr auf unsere Spur. langsam spitzt sich der Winkel beaengstigend zu und ich frage mich, ob der Busfahrer uns nicht bemerkt. Ich koennte den Bus nun bereits mit dem Arm greifen, wenn ich aus dem Fenster langen wuerde, und auch nach links hin beruehren wir schon fast den Zaun. Da sich der Winkel nach vorne hin zuspitzt werde ich langsam nervoes. Eine Sekunde lang befuerchte ich, dass der Taxifahrer doch noch versuchen will sich hier zwischen Zaun und Bus durchzuquetschen, doch dann bremsen wir ab. Das ist meine erste Erfahrung damit, dass in China Busse das Recht des Staerkeren besitzten.
Letzendlich kommen wir um 20:35 Uhr am Westbahnhof an. Der Taxifahrer hat sich wirklich beeilt und ich moechte ihm ein Trinkgeld geben, welches er aber ablehnt. Also kostet mich das ganze umgerechnet ca 3 Euro. Taxifahren in China ist wirklich billig. Nach einigem Gesuche und Gefrage, bin ich dann auch puentklich in meinen Zug nach Wuhan.- 1. August - Auf dem Weg in die Go Schule (Wuhan)
Der Verkehr in Wuhan steht dem von Peking in nichts nach. Auch hier wechseln die Autos dauernd die Fahrbahn und versuchen in jeder noch so kleinen Luecke ein paar Meter gut zu machen.
Um nicht auf die naechste gruenphase warten zu muessen biegen wir an einer grossen Kreuzung rechts ab , wechseln dort dann auf die andere Fartrichtung und biegen wieder rechts ab (rechts abbiegen darf man in China auch bei rot).- 2. August - Auf dem Weg in die Go Schule
Yan Laoshi (Lehrer Yan) setzt zu einem Ueberholmanoever auf der Gegenfahrbahn an. Es ist keineswegs so, dass uns dort keine Autos entgegenkommen wuerden, oder das Auto vor uns besonders langsam fahren wuerde.
3. August - Auf dem Weg in die Go Schule
Mitten auf der Strasse geht eine Frau mit dem Kaercher entlang und sammelt Muell ein.
Strassen ueberquert man hier uebrigens an allen Stellen. Es ist nicht ungewoehnlich immer ein paar Fussgaenger auf der Strasse zu haben, die auch die 3-spurigen Hauptstrassen ueberqueren.
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